Doktor Google

Doktor Google

Wer kennt das nicht: Man hat Beschwerden, nicht zu heftig aber doch mühsam. Man weiss nicht so recht was es sein könnte, also loggt man sich zuerst einmal ins Internet ein. Via Google werden die Symptome eingegeben, klickt sich durch die Stichworte oder sucht nach einem für diesen Zweck extra entwickelten Symptom Checker. Man wählt per Mausklick die beeinträchtigte Körperregion und beantwortet gezielte Fragen nach den Beschwerden auf einer Liste. Sehr schnell gelangt man so zu möglichen Diagnosen.

Websites wie netdoktor.de, onmeda.de oder sprechzimmer.ch helfen auf Basis einer strukturierten Abfrage bei der ersten Klärung, an welcher Krankheit man möglicherweise leidet. Und sie werden gerne konsultiert: rund 50‘000 Anfragen pro Monat verzeichnet etwa der deutschsprachige Symptom-Checker von netdoktor, bis zu 20‘000 sind es bei onmeda. In den USA nutzt mehr als ein Drittel der Erwachsenen das Internet zur Selbstdiagnose. Problematisch dabei ist, dass die Online-Diagnosen leider nicht sonderlich zuverlässig sind. Die ungefilterte „Drauflos-Googlerei“ ist noch viel weniger zuverlässig. Es sind nicht nur Ärzte und Wissenschaftler, die die Informationen ins Netz stellen. Grundsätzlich kann jedermann/jedefrau irgendwelchen Inhalt ins Internet stellen und niemand kontrolliert deren Qualität. So kann sehr viel Unsinn im Internet „gefischt“ werden. Also würde ebenso viel Aufwand und Fachkenntnis benötigt, um die Quellen der gefundenen Resultate zu prüfen und die nützlichen Informationen herauszufiltern.

Tests auf 23 englischsprachigen Symptom Checkern von 45 Fallgeschichten zeigten folgende Resultate: Nur eine von drei Diagnosen war korrekt. Knapp über die Hälfte der Websites lieferte die zutreffende Antwort immerhin unter den ersten 3 aufgeführten Krankheiten. Kaum mehr führten sie unter den ersten zwanzig. Etwas besser schnitten die Symptom-Checker ab, wenn es sich um eine häufige Krankheit oder um nur leichte Beschwerden handelte, welche keinen Arztbesuch erforderten.

Trotzdem kommen diese Algorithmen bei weitem nicht an die Fähigkeiten von Ärzten heran. In Studien konnte gezeigt werden, dass in 85-90% der Fälle von den Ärzten korrekt diagnostiziert wird, natürlich auch mit Hilfe der zusätzlichen Hilfsmittel der Arztpraxis (Labor, EKG, Röntgen, etc). Ausserdem wird der Patient beim Arztbesuch nicht nur gezielt befragt, sondern auch untersucht. Der Arzt stellt dabei beispielsweise einen schwachen und langsamen Puls, eine bleiche Haut, ein geschwollenes Bein oder ein Herzgeräusch fest, was wiederum bei der Diagnosestellung hilft.

Problematisch an der Befragung des Internets ist, dass die Patienten oft stark verunsichert werden. Die Diagnosen, welche die Menschen erfahrungsgemäss am stärksten ängstigen, erscheinen meist an prominenter Stelle. Dies entspricht jedoch nicht der Wahrscheinlichkeit des Tatsächlichen. Beispielsweise bei unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Blähungen oder Bauchschmerzen findet sich in der Liste der Diagnosen sicher auch eine Krebserkrankung. Da die Krebserkrankung glücklicherweise eine seltene Krankheit ist, werden die alltäglichen Beschwerden oft überschätzt. In den meisten Fällen ist Bauch- oder Kopfweh ein gewöhnliches Unwohlsein, welches auch rasch wieder von alleine verschwindet, oft sogar ohne eine Intervention.

„Jeder hat tagtäglich Symptome, die sich in Verbindung mit einer tödlichen Erkrankung bringen lassen“, sagt Thomas Rosemann, Professor für Hausarztmedizin an der Universität Zürich. „Meistens steckt dahinter aber glücklicherweise nur eine harmlose Geschichte.“ Stiche in der Brustgegend etwa könnten auf einen Herzinfarkt deuten, ebenso können aber auch eine Blähung im Oberbauch, Rippenschmerzen nach Husten oder ein Würgen hinter dem Brustbein vom sauren Aufstossen schuld sein. Müdigkeit ist ein Symptom, welches auch bei HIV und bei Leukämie vorkommt. Oft genügt es aber Stress und Belastung zu reduzieren und sich ein paar Tage richtig auszuschlafen. Die Symptom-Checker können somit Hypochondrie oder in diesem Falle „Cyberchondrie“ fördern.

Ein Arzt kann das Vorkommen dieser schwereren Erkrankungen aufgrund seiner Erfahrung besser abschätzen. Gelegentlich wird man in der Praxis von Patienten mit Diagnosen aus dem Internet konfrontiert, welche man zwar im Studium gelernt hat, in der ganzen 20-jährigen Arztlaufbahn aber noch nie gesehen hat. Die Folge von all dem ist, dass es oft zu vermehrten Abklärungen und damit verbunden zu erhöhten Kosten kommt. Der Patient hat aufgrund des Internets klare Vorstellungen, welche Untersuchungen er als notwendig erachtet. „Es ist oft schwer, die Patienten davon abzubringen, wenn sie gelesen haben, man sollte bei ihren Symptomen diesen oder jenen Test durchführen, auch wenn er nicht zielführend ist.“ sagt Rosemann. So veranlasst der Arzt auf Wunsch seines Patienten schliesslich Untersuchungen, die eigentlich unnötig wären, aber im Internet empfohlen werden.

Dabei könnten Symptom-Checker durchaus beim Sparen helfen, dann beispielsweise, wenn der Kranke aufgrund der Informationen seine Symptome als harmlos erkennt und damit von einem Arztbesuch absieht. Die Symptom-Checker sind aus juristischen Gründen jedoch risikoscheu konzipiert und raten darum rasch zu Weiterabklärungen und Vorstellung beim Arzt.

Trotz aller Schwächen der Symptom-Checker funktionieren diese besser als unkontrolliertes googeln. Sehr kritisch müssen virtuelle Diskussionsforen betrachtet werden. Oft geben Leute dort Auskunft über ihre spezielle, persönliche Krankheitsgeschichte. Diese ist verständlicherweise stark subjektiv gefärbt. Meist sind auch Leute aktiv, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, etwa weil sie lange auf eine Diagnose warten mussten oder die eine Fehldiagnose bekommen haben. Foren sind deshalb sehr oft Quelle der Verunsicherung.

Als Arzt muss man sich damit arrangieren, dass das Internet aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken ist. Teilweise ist es hilfreich, wenn die Patienten bezüglich gewisser Erkrankungen oder Therapiemöglichkeiten vorinformiert in der Praxis erscheinen und in Einzelfällen hilfreiche Hinweise liefern können zur Diagnosestellung. Immer wieder ist es aber wie oben beschrieben auch problematisch. Ein vorsichtiger und kritischer Umgang mit Dr. Google ist deshalb sehr wichtig.

Quelle: in Teilen aus einem Artikel von Nina Streeck

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